Das entdeckte Bild

Man kennt die Geschichte: unter einem scheußlichen und wertlosen Gemälde wird beim Restaurieren oder Reinigen ein Rembrandt, Rubens oder Da Vinci entdeckt, dann sind alle Millionäre und jeder freut sich.

Eins zur Beruhigung vorweg: in diesem Artikel geht es nicht um Millionen, und auch nicht um einen ungeheuerlichen Kunstschatz.

Aber ein Bild entdeckt, das haben wir schon. Und zwar unter einer achtlosen Übermalung – auf der Rückseite eines alten Gemäldes.

Anders als in Fernseh-Serien kommt da auch nicht sofort ein Gutachter angerannt – dergleichen ist schwierig und teuer und übersteigt häufig den Wert des Bildchens, das gefunden wurde.

So. Nach soviel Abwiegelei können wir uns dem wirklichen Schatz widmen: dem Zauber unserer Geschichte, der Sorgfalt, mit der wir sie bewahren – und warum sich das lohnt.

Das besagte Bild wurde mir von einem Kunden gebracht, der es, ganz drehbuchgerecht, auf dem Flohmarkt erstanden hatte und es nun reinigen lassen wollte. Es zeigt eine Maria mit dem Kinde, ist ca. 60 cm. hoch und 40 cm breit, im typischen Blau-Rot Thema, das Maria in der Kirchensymbolik zugeordnet ist. Es ist mit Mischtechnik auf eine Leinwand gemalt; der Hintergrund ist gleichmäßig braun. Es mag 200 oder auch 300 Jahre alt sein, eine Berühmtheit haben wir hier nicht vor uns. Es ist eines der zahlreichen, liebevoll gestalteten Mutter-Kind-Themen, die der Marienkult regelmäßig als Ausdruck inniger Liebe zeigt.

Bei der Restaurierung fand ich eine Fehlstelle hinten an der Bildrückseite – umgangssprachlich würde man „eine Macke“ sagen. Darunter war jedoch nicht Leinwand zu sehen, sondern ein anderer Farbton.

Mit dem Skalpell legte ich ein, zwei weitere Millimeter frei und hatte eine zweite Farbe vor mir.

An diesem Punkt war klar, dass unter der Übermalung mit Braun ein zweites Bild verborgen war; der uns bisher unbekannte Maler hat einfach ein unverkäufliches Bild genommen, überstrichen und auf die saubere Rückseite ein neues Bild gemalt. So sparte er Geld, war das andere Bild los und konnte, vielleicht, auch noch eine unbenutzte Leinewand in Rechnung stellen. Solche Schlitzohren gibt es.

Ich erzählte dem Kunden von der Entdeckung, und sofort war er interessiert. Ich erhielt den Auftrag, nicht nur das bekannte Bild zu restaurieren, sondern auch das noch Unbekannte, das unter brauner Kruste verborgen lag, freizulegen.

Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was für eine Arbeit das ist. Sie verlangt Fingerfertigkeit, unendliche Vorsicht und zugleich einiges an Kraft in den Fingerspitzen. Es ist ungefähr so, als ob Sie Schönheits-Chirurg wären und mit dem Skalpell einen Wundschorf von der Wange eines Kindes entfernen wollten – Sie dürfen nicht abrutschen, nichts beschädigen, und wollen doch alles frei legen. Nur, dass Sie eben einen halben Quadratmeter vor sich haben.

Nach zwei Tagen war das Antlitz eines behelmten Soldaten erkennbar.

Ich zeigte auch diesen Zwischen-Stand und erhielt ein weiteres „Daumen-Hoch“ – als Restauratorin ist es ganz wichtig, die einzelnen Stadien der Arbeit festzuhalten oder immerhin zu dokumentieren, sowie, mit den Kunden Kontakt zu pflegen. Kostenkontrolle und Transparenz ist die Devise.

Nach mehreren Wochen sind nun ein König und sein Soldat sichtbar. Der König trägt einen Glorienschein, das Werk ist zunächst nur grob auf einige Jahrhunderte Alter bestimmbar und ist für Süddeutschland oder das Alpengebiet nicht ungewöhnlich, könnte aber ebenso gut aus Frankreich oder Italien stammen.

Auch möglich ist, dass es durch das Zerschneiden eines größeren Bildes entstand, das vielleicht beschädigt wurde. Das wird sich erst dann zeigen, wenn es bis zu den Rändern freigelegt ist. Leider wird in diesem Fall fast sicher keine Signatur erkennbar sein – wenn sie nicht, wie auch ich und viele andere Künstler es machen, auf der „Rückseite“ steht, also dort, wo ein späterer Maler eben Maria mit dem Kinde aufmalte.

Das ließe sich wahrscheinlich nur durch eine sinnlos teure Röntgenuntersuchung feststellen und ist, wie gesagt, unwahrscheinlich.

Wozu legt man so etwas überhaupt frei. Es lohnt sich doch nicht..?

Finanziell gesehen nicht, das stimmt.

Man hat aber in den Händen einen greifbaren Beleg der eigenen Kultur, ein mediales Zeugnis aus einer Zeit, in der Medien teuer waren. Man sparte Papier und Leinwand, anders als unsere heutige Kultur, die Briefe elektronisch verschickt, dann ausdruckt und in den Papiercontainer wirft.

Die Farben waren, je nach Art, billig – dann wurden sie zum Übermalen benutzt – oder unendlich teuer, so wie das berühmte Blau aus Lapislazuli. Das war das teuerste Blau der Kunstgeschichte.

Es ist gut möglich, dass der Kriegerkönig vor, die Mutter Gottes nach dem 30jährigen Krieg geschaffen wurde. Das ist rein spekulativ, es ergäbe aber Sinn, weil vor dem Krieg die Menschen Interesse an militärischer Macht hatten, hinterher aber die Freude am Militär für lange Zeit erloschen war; auch in der Kunst.

Genauso könnten die Bilder nach derzeitigem Stand alle beide aus dem Biedermeier stammen (was ich aber für unwahrscheinlich halte).

Was können diese Bilder uns sagen? Der Maler war weder reich noch berühmt, der Stil des Marienbildes wirkt unbeholfener als jener des Königsgemäldes. Tatsächlich ist die Anatomie im entdeckten Bild korrekter, was ebenfalls für das Werk eines bedeutenderen Malers spricht, das eben ein Bilderschicksal erlitt (Brand, Riss, Altersschaden) und irgendwie verwertet wurde. Auch der feinere Glorienschein beim Königsbild weist auf einen Maler hin, der mehr Routine hatte als der Schöpfer der Mutter mit dem Kinde, der mit den Heiligenscheinen überdeutlich war; Anfänger tendieren zur Übertreibung.

Untersuchen kann man derartige Bilder chemisch, röntgenologisch und mikrofotografisch, sowie kulturhistorisch. Das alles gibt Informationen über Struktur und über die verwendeten Werkstoffe. Biologen könnten etwa über die Herkunft des Flachses, aus dem die Leinwand gewebt wurde, etwas sagen. Chemiker können die Farben analysieren, was Erkenntnisse darüber bringen kann, woher die verwendeten Farben stammen. Auch Pinselhaare finden sich oft in Bildern und geben dann über das jeweilige Tierhaar unter Umständen Auskunft über die Rasse, von der sie kamen. Die Ornamentik im Bild (Ziersaum des Marien-Umhanges) kann ein Kunsthistoriker zuordnen, was uns Informationen darüber gibt, in welchen Gegenden sich der Maler aufgehalten hat.

Ich weiß nicht, ob Sie meine Begeisterung spüren können.

Wir haben ein Kulturzeugnis vor uns, das die kriegerische Vergangenheit Europas genauso wie seine Sehnsucht nach liebevoller Innigkeit belegt. Über Jahrhunderte erhalten, beweist ein solches Bild auch das Interesse unserer Kultur an Kunst und an Vergangenheit – die immer wieder durchblitzt und uns dann anregt. Was als Ramsch im Flohmarkt stand, ist ein kleines Symbol dafür, dass wir die Vergangenheit nicht unterdrücken können. Und die „Wiederentdeckung“ des versteckten Bildes ist eins dafür, dass wir das auch gar nicht wollen. Kultur entsteht durch Tradition, was wörtlich „Weitergabe“ bedeutet. Von Jahrhundert zu Jahrhundert, selbst im Versteckten und Übertünchten. Es ist das Unbewusste unserer Identität, das unbeachtet in vielen Kirchen und Winkeln steht, aber Zeugnis davon gibt, dass wir waren und wie wir waren.

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